Dating im Jahr 2016 – die Qual der Wahl

„Warum treffe ich meinen Traumpartner nicht beim Bäcker nebenan?“ „Toll, mal wieder nur vergebene Leute auf der Privatparty vom letzten WE.“ „Er schaut die ganze Zeit rüber aber spricht mich nicht an.“

Dating im Jahr 2016

Ich glaube jeder, der nicht in der Sandkiste die große Liebe kennengelernt hat, kennt dieses Gefühl: „Man, ist das Dating heutzutage kompliziert geworden“. Aber woran liegt das eigentlich und wie kann etwas komplizierter werden, wenn man in der heutigen Zeit praktisch überall und rund um die Uhr im Internet über die einschlägigen Dating-Portale Kontakte knüpfen kann?

„Sorry, ich habe diese Woche leider keine Zeit für Dich – ich habe 4 Dates mit verschiedenen Leuten über Tinder!“

Der Grund ist offensichtlicher als man denkt – Dating verkommt zu einem Massenprodukt

Die Gesellschaft driftet immer mehr auseinander in die Gruppen der Pärchen aus Kindheitstagen und die neue Gesellschaftsform des Dauer-Singles,  gerne mit der Betonung „glücklicher“ Single. Natürlich gibt es zwischen beiden Gruppen fliesende Bewegungen. Jedoch mit steigendem Alter, wachsender Lebenserfahrung, beruflichem Aufstieg und hohen Ansprüchen an den potentiellen Partner, kann sich der glückliche Single schnell zu einem genervten Individuum entwickeln, wenn das letzte von zahlreichen Dates mal wieder ein totaler Reinfall war und man sich sagt: „Jetzt habe ich erstmal genug davon“. In diesem Moment ist man dem Status des Dauer-Singles sehr nah und wird unbewusst immer unempfänglicher für den Pärchen-Markt.

Dating als Massenprodukt

Wie war das vor 50 Jahren mit dem Kennenlernen eigentlich noch mal? Es ist doch sehr zu bezweifeln, dass der Bäcker oder das Treffen an der Kasse im Supermarkt jemals die ultimativen Orte der erfolgreichen Partnersuche gewesen sind.  Jedoch hat  sich schon ein entscheidender Umstand verändert:  Der unbegrenzte Zugang Kontakte zu knüpfen. Und das gilt nicht nur für den klassischen und schon längst überholten Inbegriff einer heterosexuellen, monogamen Beziehung.

Es gibt heutzutage unendlich viele Möglichkeiten, seinen Beziehungsstatus, persönliche Neigungen und Wünsche oder seine sexuellen und charakterlichen Vorstellungen in einer Partnerschaft mit wildfremden Menschen zu teilen. Mit ein paar Klicks findet man passende Umfelder von Gleichgesinnten. Oft reicht nur der Login bei Facebook am Morgen und eine attraktive Person unter den Vorschlägen „Kennst du vielleicht diese Person?“ lächelt einen an und man kann im Schlafanzug und mit Zahnbürste im Mund den ersten Schritt zur Kontaktaufnahme machen, noch bevor man Brötchen holen war.

Hierbei soll natürlich nicht der ohne Zweifel positive Umstand unerwähnt bleiben, dass beispielsweise ein homosexueller Mann mit einer Neigung zu Rollenspielen und als Liebhaber von Reptilien selbst in einer Kleinstadt sehr viele Möglichkeiten hat, den passenden Deckel auf dem Topf zu finden – solange die Internetverbindung auf dem Land es zulässt.

Aber es ist doch schon etwas paradox, dass man durch das scheinbare Überangebot von potentiellen Partnern seine Dates eher nach dem Ausschlussprinzip bewertet, als sich auf die positiven Eigenschaften der Person zu konzentrieren und sich Zeit zu nehmen, den anderen besser kennenzulernen.  „Der Typ von Montag ist eigentlich voll nett aber der Typ von gestern hat so tolle Auge, auch wenn wir uns kaum unterhalten haben…Und am Samstag bin ich so auf den Typen gespannt, mit dem ich über WhatsApp schreibe, als ob wir uns schon ewig kennen würden“.

Irgendwie erinnert das an einen Teufelskreis oder eine Art Schneeballsystem: Der Mann trifft drei Frauen in der Woche, die ebenfalls jeweils mehrere Dates gleichzeitig haben und eines der Dates ist genau dieser Mann, der bereits drei Frauen parallel trifft und schon die Namen verwechselt.

Wer blickt da noch durch?
Den Preis für die Teilnahme an diesem System zahlen in erster Linie die beteiligten Personen, in Form von Zeit und Oberflächlichkeit. Und der Freundeskreis wird ebenfalls schön mit einbezogen:
„Der Mann erzählt seinem besten Kumpel beim Bierchen von seinen drei heißen Eisen im Feuer und eine Woche später haben sich komischerweise alle Namen geändert.“

„Die Frau heult sich bei ihrer besten Freundin aus, dass sich der eine Typ nicht mehr meldet – ok,  sie hatte ihn etwas vertröstet, da sie wegen der anderen Dates keine Zeit hatte.“
Für diese bespielhaften Dialoge lässt sich das Geschlecht beliebig austauschen.

Was lernen wir daraus?

Alle Leute mit eher spezielleren Vorstellungen an die Zweisamkeit, wie eine offenen Beziehung, Affäre, Seitensprung, Dreiecksbeziehung oder die immer mehr in Mode kommenden Sugardaddys und Sugarbabes sollten diese Möglichkeiten der modernen Partnersuche in vollen Zügen ausnutzen.

Alle, die sich durch diesen Beitrag angesprochen fühlen, sollten in erster Linie gelassen bleiben. Es gibt kein Patentrezept, den Status des Dauer-Single-Daseins zu verlassen. Und das ist auch gut so, da man Liebe nicht planen oder erzwingen kann. Man sollte aber in allen Lebenslagen – nicht nur beim Dating – immer beachten, dass zu viel des Guten oft nichts bringt oder sogar negative Folgen haben kann.

Auf das Thema dieses Beitrags bezogen ist es durchaus ratsam, ein Date einfach als das zu sehen, was es ist: Ein paar angenehme Stunden zu verbringen und bei Sympathie sich auf ein zweites oder drittes Treffen zu freuen. Die ungelesenen Nachrichten im Dating-Account laufen nicht weg und die bereits verplanten Dates lassen sich mit einer charmanten Notlüge auf Eis legen. Und dieses Eis ist sehr dick und lässt sich schnell wieder aufwärmen, keine Sorge.

Und wie der bekannte Rapper Cro bereits in seinem Lied „Bye Bye“ für den Mainstream beschreibt… Ein Kompliment für den attraktiven Sitznachbarn in der Bahn kostet nichts und bringt manchmal mehr als eine weitere Woche Powerdating.

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