Tag der virtuellen Liebe – Siri liebst Du mich?

Am 24. Juli ist der Tag der virtuellen Liebe. Kann man sich wirklich in sein iPhone oder sein Navigationssystem, genauer gesagt in die Stimme dieser Geräte verlieben?

Tag der virtuellen Liebe

Bestimmt, solange man genügend Vorstellungskraft besitzt, denn die Technik ist noch lange nicht am Ende der Schöpfungskette virtueller Begleiter in allen Lebenslagen.

Woran denke ich sofort bei dem Thema virtuelle Liebe?

Wie so oft kommen mir zuerst Filme oder Serien in den Kopf, die schon vor Jahren einem die Zukunft schmackhaft machten: Total Recall –  hier kann man sich über eine Art Gehirnwäsche, neben seinem Traumberuf, noch den Traumpartner in seiner virtuellen Urlaubsreise zusammenstellen oder geht in ein Kino, wo man in abgetrennten Drei-D Kabinen kurze virtuelle Abenteuer erleben kann.

In Bing Bang Theory vergöttern die liebenswürdigen und beziehungssüchtigen Nerds weibliche Spielfiguren ihrer Onlinespiele und hier verliebt sich eine der Hauptfiguren tatsächlich in Siri – die weibliche Computerstimme des iPhones.

Doch ursprünglich wurde dieser Tag von Dating-Plattformen für alle Paare ins Leben gerufen, die sich im Netz kennengelernt haben, was heutzutage vollkommen normal geworden ist.  Jedoch ist das wirklich virtuelle Liebe, wenn man kurzeitig nur per Chat kommuniziert, Bilder austauscht aber dann in die Realität mit den ersten Telefonaten und Treffen eintaucht? Diese Pärchen feiern sicherlich eher den Valentins- oder Jahrestag.

Meine Definition von virtueller Liebe am Rande des Cyberspace kann man vielleicht als die Weiterentwicklung der beziehungswilligen Brieffreundschaft, mit mehr medialen Möglichkeiten der Kommunikation als früher, bezeichnen. Doch die grundlegenden Eigenschaften einer virtuellen Liebe sind bei der Liebe auf Papier und im Netz gleich – eine räumliche Trennung, kein persönliches Treffen und dieser Zustand ist auf längere Zeit angelegt. Wenn man beginnt, sich zum anderen hingezogen zu fühlen, beginnt die Liebe aus der Ferne.

Im romantischen Film „Haus am See“ tauschen Sandra Bullock und Keanu Reeves über einen Briefkasten innige Briefe zwischen Zukunft und Vergangenheit aus. Selbst im Mittelalter haben sich schon Prinz und Prinzessin verschiedener Königshäuser leidenschaftliche Briefe geschickt, wenn ein persönliches Treffen zu einem Krieg hätte führen können oder die Anreise für ein Treffen mehrere Wochen gedauert hätte.

Wo ist da der Unterschied, wenn sich zwei Menschen heutzutage aus verschiedenen Kontinenten zufällig in einem Chatportal zum Thema „Reiselust“ kennengelernt haben und sich schon seit Monaten lange und intime E-Mails schreiben, weil das Portemonnaie oder die Zeit kein reales Treffen zulässt?

Da muss schon Kai Pflaume kommen mit den Worten „…und hier ist Dein Andrew aus den USA!“

Aber mal im Ernst – würdest Du Dich in einen Menschen verlieben können, den Du noch nie gesehen hast? Ich denke, das ist möglich und aktuell wird doch ohnehin ständig darüber diskutiert, dass man sich von Äußerlichkeiten, Altersgrenzen oder beruflichen Schichten bei der Auswahl seines Lebenspartners lösen soll.  Sogar der alte Liebesbrief kommt wieder in Mode, wenn man im Gespräch seine Gefühle als introvertierter Typ nicht so ausdrücken kann. Wie häufig kommt es vor, dass man sich vom seinem Partner nicht mehr verstanden fühlt und die Routine „Wie war Dein Tag Schatz?“ einzige Kommunikation am Tag im schnöden Alltag eines Pärchens ist.

Dies kann Dir bei einer Brieffreundschaft/virtuellen Beziehung egal ob per Post, E-Mail oder WhatsApp nicht passieren, da es unbedingt notwendig ist, auf den anderen einzugehen und sich immer wieder interessant beim Anderen zu machen, damit der Kontakt nicht abbricht.

Aber macht eine solche Beziehung wirklich glücklich? Ich denke übergangsweise schon, gerade wenn man vielleicht aus einer unglücklichen Beziehung kommt oder man einfach jemanden zum Reden braucht, wenn das der Freundeskreis leider nicht hergibt.

Auf längere Sicht ist es aber kaum vorstellbar, dass man nicht irgendwann den Wunsch hat, den anderen persönlich zu treffen. Dieser Wunsch ist auch verständlich. Sollen doch die schönen Gefühle nicht irgendwann in Selbstzweifel umschlagen, wie man sich bloß in eine Situation begeben konnte, sich einem Menschen so nahe zu fühlen, der doch so unerreichbar ist. Und welche Sicherheit hat man überhaupt, dass sich hinter der Person am anderen Ende des Datenverkehrs wirklich der sportliche, markante Typ von den Fotos verbirgt, der voll im Leben steht und keine versteckten Leichen im Keller hat?

Irgendwann kommt halt doch die Realität der Virtualität in die Quere.

Natürlich kann man gerne in diesem „Luftschloss im rosaroten Himmel“ auf unbestimmte Zeit leben, nur ist man dann nicht mehr weit von dem Szenario aus Total Recall entfernt – außer, dass man noch seinen eigenen Gehirnschmalz einsetzen muss, um sich seinen Traumpartner beim Lesen der nächsten E-Mail im Kopf auszumalen.

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